Zurück

Initialzündung

30 Jahre Web – und warum heute kein Zufall ist

Heute ist der 27. April 2026.

Vor dreißig Jahren — irgendwann im Frühjahr 1996, ich habe mir den 27. April notiert — habe ich meine erste professionelle Website veröffentlicht. Die AOL-Homepage. HTML, handgeschrieben, kein Framework, kein Tooling. Ein Texteditor, ein Grafikprogramm und ein Browser, der manchmal mitmachte.

Davor hatte ich schon unter meinem AOL-Scout-Namen herumexperimentiert. Aber das hier war anders: ein Auftrag, eine Veröffentlichung, ein Anfang. Zwar gab es kein "echtes" Geld dafür, nur Freiminuten - aber es machte mich unglaublich stolz!

Dass ausgerechnet heute mein Blog live geht, ist nicht geplant gewesen. Es ist mir erst aufgefallen, als ich anfing, diese Notizen zu sortieren. Manche Dinge fügen sich einfach.


1996: Das Web, das wir nicht kannten

Um zu verstehen, was 1996 bedeutete, muss man kurz innehalten.

CSS1 wurde im Dezember 1996 als W3C-Standard verabschiedet — also nach meiner ersten Website. Browser-Unterstützung war rudimentär, in der Praxis kaum nutzbar. Wir haben mit ``-Tags gearbeitet, mit bgcolor, mit Tabellen für Layouts. Nicht weil wir es nicht besser wussten, sondern weil es nichts Besseres gab.

AOL Deutschland war zu dieser Zeit kein reines US-Produkt, wie man heute vielleicht annehmen würde. Es war ein Joint Venture zwischen der Bertelsmann AG und AOL Europe, gegründet 1995, mit Hauptsitz in Hamburg. Gleichberechtigte Partner — das Web kam nach Deutschland nicht als Import, es wurde HIER mitgebaut.

1996 war auch das Jahr, in dem das Internet Archive gegründet wurde — jenes Projekt, das das Web für die Nachwelt aufbewahrt. Damals wusste niemand, dass man so etwas brauchen würde.

Meine erste Homepage entstand als AOL Scout — ein offizieller Auftrag im Internet-Channel von AOL. Kein Hobby, kein Experiment. Ein Auftrag. Ich war Anfang zwanzig, noch Student, und gleichzeitig schon selbständig: von August 1996 bis Juni 1999 als freier Webdesigner.

Das vergisst man leicht, wenn man rückblickend von "frühen Projekten" spricht. Es war Arbeit.

Der Beweis dafür liegt vor mir — ein Brief vom 6. Mai 1996, auf dem Briefkopf: "DER BERTELSMANN AMERICA ONLINE SERVICE". Thomas Gieselmann schreibt: "sehr gerne bestätigen wir Ihnen, daß Sie das Design für die AOL-Homepage auf http://www.germany.aol.com von Februar 1997 für uns designed und zu großen Teilen auch implementiert haben."

Februar 1997. Der Brief ist vom Mai 1996. Jemand bei AOL hat sich um ein Jahr vertippt — und ich habe es damals nicht bemerkt. Amtliche Bestätigung mit eingebautem Fehler. Klingt nach 1996.


Casa Diva: 350 Uhren im Browser

Im August/September 1996 — parallel zu page2page — entstand Casa Diva: "Der 24 Stunden Uhrenshop im WEB."

Ein Bekannter von mir (Liebe Grüße an dich, Andreas!) betrieb ein Ladengeschäft in Burgdorf, hochwertiger Modeschmuck und das größte Angebot an Fossil-Uhren. Er wollte online. Ich habe es gebaut (zusammen mit Thorsten, nochmal liebe Grüße nach Berlin!) — und "bauen" ist hier das richtige Wort. Etwa 350 Uhrenmodelle, ansehbar und bestellbar direkt im Browser. Für 1996 war das kein kleines Projekt. Datenbank, Bestellprozess, Produktbilder — alles selbst zusammengesetzt.

Am 17. Oktober 1996 war Casa Diva "Web-Seite der Woche" in der Neuen Presse. Headline: "Spezialist für Fossil-Uhren". Damals war eine Website mit Bestellmöglichkeit noch eine Meldung wert. ;)


Der Homepager: Ausgezeichnet auf der CeBIT

Parallel zu Casa Diva entstand ein weiteres Projekt: der Homepager — ein Verzeichnis für private Homepages, mit selbst entwickelter Eintragsroutine und eigener Datenbank dahinter.

Das klingt heute nach wenig. Damals war ein automatisiertes Web-Verzeichnis eine echte technische Leistung — Datenbank-gestützt, dynamisch, selbst gebaut.

Laut DIP gehörte der Homepager zu den Top-5%-Sites des deutschen Internets. Auf der CeBIT 1996 gewann er einen Preis im ActiveX-Contest von Microsoft und dem Ziff-Davis-Verlag.

Der Preis war eine Vollversion von Microsoft Visual Studio Enterprise. Eine Software, die damals über tausend Mark kostete — und die ich als armer Student achtlos weggeräumt habe, ohne ihren Wert zu erkennen. Den Pokal habe ich dafür sehr lange aufbewahrt. Kein Foto davon. Irgendwann war er weg.

Ich erwähne das nicht wegen des Preises. Ich erwähne es, weil es zeigt, dass das, was wir damals gebaut haben, gesehen wurde. Es war nicht im Verborgenen. Es war Teil einer Szene, die gerade entstand — und wir waren mittendrin.

Später wurde der Homepager Teil von page2page: Das "Mitglieder-Verzeichnis mit Search-Engine" - sagt der "Weihnachtsbrief 1997".


page2page.de: Ein Stück frühe Web-Infrastruktur

Ich breche hier kurz die Chronologie. page2page entstand tatsächlich vor Casa Diva — Mitte/Ende 1996, kurz nach der AOL-Homepage. Aber seine Geschichte lässt sich nicht an einem Datum festmachen. Sie entfaltet sich über mehrere Jahre. Deshalb kommt es hier zuletzt.

Und weil es das Projekt ist, auf das ich im Rückblick am meisten — nein, "stolz" ist nicht das richtige Wort. Ehrfürchtig trifft es besser.

Mitte/Ende 1996 habe ich page2page.de entwickelt und betrieben: ein Bannertauschsystem, selbst geschrieben in Perl.

Wer heute damit nichts anfangen kann: Bannertausch war die Traffic-Strategie des frühen Webs. Vor Google. Vor SEO. Vor Social Media. Wer Besucher auf seine Website wollte, musste sich vernetzen — Webmaster mit Webmastern. Du zeigst mein Banner, ich zeige deins. Ein Netzwerk aus gegenseitiger Sichtbarkeit, das ohne großartigen Algorithmus funktionierte.

page2page hatte einen Relaunch am 26. September 1997. Im Dezember desselben Jahres schrieben wir in unserem Weihnachtsbrief an die Mitglieder:

"Das page2page-Team wünscht seinen Mitgliedern fröhliche Weihnachten, besinnliche Feiertage und einen lauten und verschwommenen Jahresanfang 1998 ;)"

Wir. Das p2p-Team. Der Schlusssatz des Briefes: "Wir klicken uns ;)"

Das klingt nach nichts — bis man die Zahlen sieht.

Januar 1998 — vier Monate nach Relaunch:

Aktive Mitgliederaccounts 1.850
Banner auf Internet-Seiten 3.700
Einblendungen pro Tag 44.000
Einblendungen pro Monat 1.050.000
Gesamt seit Relaunch 4.072.000

Januar 1999 — ein Jahr später:

Aktive Mitgliederaccounts 6.500
Banner auf Internet-Seiten über 9.000
Einblendungen pro Tag 135.000
Einblendungen pro Monat 4.000.000

In zwölf Monaten: Mitglieder verdreifacht. Einblendungen vervierfacht.

Hinter diesen Zahlen steckt eine Geschichte, die ich erst jetzt, beim Wiederlesen alter Notizen, wieder vollständig vor mir sehe.

Der Relaunch am 26. September 1997 war alles andere als reibungslos. Einen Tag vorher waren wir noch auf dem alten Server. Am Tag danach hatten wir ein neues Design — "eigentlich ja nur gelb?!" stand in der Ankündigung, als wäre uns die Selbstironie wichtiger als eine Hochglanz-Präsentation. War sie wohl auch. Wir hatten Multi-Banner eingeführt, eine technische Neuerung, auf die wir stolz waren. Eine Woche später mussten wir sie wieder abschalten. Server-Ressourcen. Zu viele Dateien. Die Statistik stimmte nicht mehr ganz. Wir haben es in einem News-Eintrag so kommentiert: "Gegessen ;))"

Einen Monat nach Relaunch, am 26. Oktober 1997, meldeten wir das 1.000. Mitglied. 750.000 Einblendungen pro Monat. Im Dezember schickten wir einen Weihnachtsbrief. Im Januar 1998 lagen wir bei 1.850 Mitgliedern und über einer Million Einblendungen im Monat.

Das lief nicht nach Plan. Es gab keinen Plan. Es gab Neugier, einen Server, Perl — und Leute, die mitmachten.

Google war da gerade vier Monate alt.


Was Bannertausch über das frühe Web sagt

page2page hat mir etwas gezeigt, das ich erst viel später in Worte fassen konnte.

Das frühe Web war keine Plattform. Es war ein Raum. Kein Unternehmen verwaltete den Traffic, kein Algorithmus entschied, wer Sichtbarkeit bekommt. Webmaster haben sich gegenseitig verlinkt, Banner getauscht, Webringe gebildet. Die Logik war: Vernetzung schafft Reichweite. Nicht Optimierung. Nicht Bezahlung. Vernetzung.

Das hat sich geändert — fundamental und unwiderruflich. Ob zum Besseren oder Schlechteren ist eine Frage, die ich mir vielleicht in einem späteren Artikel stelle. Oder lieber nicht, weil ich die Antwort nicht mag.


Drei Momente, die alles verändert haben

Wenn ich auf dreißig Jahre zurückschaue, sehe ich drei Momente, an denen sich etwas grundlegend verschoben hat. Ich nenne sie für mich "Points of no Return".

1996 — das Web. Nicht als Nutzer, sondern als Baumeister. Der Moment, in dem ich verstanden habe, dass man hier nicht nur konsumieren, sondern gestalten kann. Dieser Moment hat mich nie wieder losgelassen.

2025 — künstliche Intelligenz als Denkpartner. Nicht als Werkzeug zum Texte generieren. Als Gesprächspartner, der mir hilft, Gedanken zu strukturieren, die ich allein nur langsam zu Papier bekomme. Google-Suche? Weitgehend abgelöst. Was ich seither erlebt habe, hat mein Verständnis von Wissensarbeit verändert.

2026 — jetzt. Programmieren mit KI, nicht nur durch sie assistiert. Ich möchte nicht sagen, dass das einfacher geworden ist. Es ist anders geworden. Schneller in manchen Dimensionen, tiefer in anderen. Und es verändert gerade, was ich in einem Abend aufbauen kann — und damit, was ich überhaupt zu bauen wage.

Dieses Blog ist ein Ergebnis davon. Gebaut mit einem eigenen Static Site Generator, an dem ich seit knapp zehn Jahren "immer mal wieder" arbeite — nie wirklich fertig, nie wirklich aufgegeben. KI hat das verändert. Weil der Produktivitätsschub so enorm ist, dass ich zum ersten Mal glaube: Das wird wirklich fertig. Ohne diesen Schub — bei allem, was sonst noch auf mich einprasselt — wäre das im Leben nicht passiert.

Das ist der Bogen, der sich spannt — von 1996 bis heute. Immer dieselbe Frage: Wie funktioniert das eigentlich? Wirklich?


Und das Internet Archive?

Auch 1996 gestartet. Auch noch da.

Vielleicht liegt die AOL-Homepage von damals noch dort. Ich habe noch nicht nachgesehen.


27. April 2026 — teblo.de geht live. Dreißig Jahre nach Vollendung des ersten echten Auftrags.