Nachruf auf das Lorem Ipsum
Von uns gegangen irgendwann zwischen 2022 und 2023. Doch anscheinend hat das niemand so genau mitbekommen.
Inhalt
Es gibt Momente im Leben eines Entwicklers, in denen man nicht umhinkommt, ein „Theme“ zu bauen. Eine Vorgabe (default) für andere Entwickler. Eine Beispielseite, die zeigen soll, wie etwas aussieht, bevor echter Inhalt einzieht. Texte, die nirgendwo hingehören und überall passen sollen. Bilder, die nichts bedeuten. Überschriften, die nichts ankündigen.
Ich befinde mich gerade in einem solchen Moment. Zehn Jahre oder mehr, in denen ich keine Webseiten gebaut habe – und in denen ich folglich auch keinen Blindtext brauchte. Jedoch habe ich zum ersten Mal nicht reflexartig zur althergebrachten Lösung gegriffen. Ich habe nicht Lorem ipsum eingetippt. Zwar habe ich kurz gezögert, aber dann ein KI-Tool befragt – und einen Augenblick später erschienen Platzhalterparagraphen, die klangen, als hätte sie ein Mensch für einen bestimmten Zweck geschrieben.
Das hat mich überrascht. Und dann hat mich überrascht, dass es mich überrascht hat. Und dann, irgendwo inmitten dieser Überraschungen, wurde mir klar: Ich vermisse etwas. Etwas sehr Altes, sehr Stummes, das offenbar still gegangen ist, ohne sich zu verabschieden.
Kein Gruß. Keine Würdigung. Nicht einmal eine Systembenachrichtigung. Einfach nicht - mehr - da.
Was Lorem Ipsum war
Es mag Abschiede geben, über die niemand spricht. Nicht weil sie unbemerkt blieben – sondern weil das Verschwinden so leise war, so vollkommen ohne Drama, dass es zur Figur passte, um die es geht.
Lorem Ipsum ist tot.
Oder genauer: Es wird nicht mehr gebraucht. Was beim Blindtext auf dasselbe hinausläuft.
Was Lorem Ipsum wirklich war, lässt sich schwer sagen. Ein Name, der nach Gattung klingt. Nach Ordnung, Familie, Unterfamilie. Als hätte Linné einen schlechten Tag gehabt und kurz vor Feierabend noch eine Tierart beschrieben, die er selbst nie zu Gesicht bekommen hat. Wer in den Achtzigern mit Yps aufgewachsen ist, kennt das Gefühl. Auf dem Cover dieses ikonischen deutschen Gadget-Comicmagazins turnte ein Känguru, das aussah, als hätte es ebenfalls einen wissenschaftlichen Beinamen verdient – karomustrig, leicht entrückt, nie ganz greifbar. Das Tier war das Ypsilon der Zeitschrift, ihr stilles Maskottchen, das nie sprach und trotzdem immer da war. Und Lorem Ipsum war, auf seine Art, dasselbe: ein Platzhalter mit Charakter, dem man nicht zu nahe treten wollte.
Beide kamen aus einer Zeit, in der Dinge noch Raum ließen für das, was noch kommen sollte. Beide sind gegangen, ohne große Worte. Das Känguru zuerst: die letzte reguläre Yps -Ausgabe erschien am 10. Oktober 2000. Lorem Ipsum hielt noch über zwanzig Jahre länger durch – allein, in immer neuen Textfeldern, immer derselbe erste Satz. Durch Flash-Intros und Browser-Kriege, durch Web 2.0 und iPhone-Hype, durch responsive Design, Node.js und React. Immer dabei, nie verändert, nie befragt.
Die Schreibtischlampe, die niemand mehr sieht, weil sie immer schon da war.
Eine kurze, merkwürdige Biografie
Die offizielle Biografie ist kurz und seltsam. Herkunft: Cicero, De finibus bonorum et malorum , 45 vor Christus. Entstellt, zerstückelt, sinnentleert – und damit erst brauchbar. Der Text wurde nicht gewählt, weil er schön war. Er wurde gewählt, weil er nichts bedeutete. Lateinisch genug, um seriös zu wirken. Bedeutungslos genug, um nicht abzulenken. Eine Art höflicher Schweiger im Anzug: anwesend, aber nie störend.
In den Sechzigern druckte Letraset ihn auf Abreibebuchstaben – jene halbdurchsichtigen Bögen, mit denen Grafiker Buchstaben auf Papier rieben, bevor Computer das übernahmen. Lorem Ipsum war Dekoration auf dem Dekorationsmaterial. Schon damals also Platzhalter zweiter Ordnung, Bedeutungslosigkeit im Dienst der Bedeutungslosigkeit.
In den Achtzigern schleppte Aldus PageMaker ihn in die ersten Desktop-Publishing-Büros – genau jene neonbeleuchteten Räume, in denen Grafiker zum ersten Mal Schriften setzten, ohne Blei anzufassen, und Layouts bauten, ohne Schere und Klebstoff. Lorem Ipsum war von Anfang an dabei. Ein stiller Mitarbeiter. Anspruchslos. Pünktlich. Nie krank. Nie im Urlaub. Immer derselbe.
Und dann, Mitte der Neunziger, kam das Web.
Deutschland 1996: eine Handvoll Agenturen, ein paar mutige Firmen, Modems mit dem Geräusch einer sterbenden
Maschine. Die ersten Webseiten sahen aus wie das, was sie waren – Experimente auf weißem Grund, mit zu großen
Schriften und zu vielen
-Tags. Und in den Platzhalter-Absätzen dieser frühen -Tags stand natürlich: Lorem ipsum dolor sit amet.
Die Designer kannten nichts anderes. Sie hatten es aus PageMaker mitgebracht, so wie man ein Werkzeug
mitnimmt, das immer funktioniert hat. Warum also etwas ändern?
Diese Frage stellte sich, erstaunlicherweise, fast dreißig Jahre lang niemand ernsthaft.
Dabei gab es gute Gründe, es nicht zu hinterfragen. Lorem Ipsum war nicht zufällig erfolgreich. Der Text imitiert die statistische Verteilung lateinischer Buchstaben so überzeugend, dass ein Layout mit ihm gefüllt aussieht wie ein Layout mit echtem Text – ohne dass der Betrachter abgelenkt wird, ohne dass er anfängt zu lesen, zu urteilen, zu korrigieren. Das war die eigentliche Leistung: unsichtbar zu sein, ohne zu fehlen. Anwesend genug, um Form zu geben. Abwesend genug, um nicht zu stören.
Kein Wunder, dass Generationen von Designern und Entwicklern ihn einfach mit sich nahmen. Lorem ipsum stellte keine Fragen. Es hatte keine Meinung. Es beanspruchte keinen Kredit. Es war, in jeder Hinsicht, der perfekte Kollege für alle, die in Ruhe arbeiten wollten.
Die Konkurrenz, die keine war
Es gab Versuche, Lorem Ipsum zu ersetzen – oder zumindest aufzuheitern. Bacon Ipsum lieferte Texte über Schweinebauch und Räucherspeck. Hipster Ipsum bevölkerte Layouts mit Craft Beer und Vinyl-Referenzen. Cupcake Ipsum duftete nach Zucker. Zombie Ipsum stöhnte. Es gab Samuel L. Jackson Ipsum, Chuck Norris Ipsum, Pirate Ipsum, Klingon Ipsum…
Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie wurden als Scherz gelesen. Als Gag für den Sprint-Review, als „Easter Egg“ im Entwickler-Blog. Niemand baute ernsthaft eine Produktionsseite mit Bacon Ipsum. Die Absurdität war der Witz – und wer den Witz verstand, griff danach wieder zum Original.
Lorem Ipsum hatte in all diesen Jahren etwas, das seinen Herausforderern fehlte: Würde durch Gleichgültigkeit. Es war nie witzig gewesen. Es war nie niedlich. Es hatte keine Agenda. Es war einfach da, in seiner unveränderlichen lateinischen Stille, und wartete darauf, ersetzt zu werden.
Das war seine Stärke. Und am Ende auch der Grund, warum es so still verschwinden konnte.
Es steckt eine stille Übereinkunft dahinter, die niemand je formalisiert hatte: Lorem Ipsum fragte nicht nach Bedeutung – und durfte deshalb keine beanspruchen. Es war, im buchstäblichen Sinne, nicht zu lesen. Man konnte seinen Blick darüber gleiten lassen wie über das Tapetenmuster des Ypsilons: anwesend, beruhigend, ohne Inhalt. Genau das war die Leistung, die all seine Herausforderer nie erbringen konnten. Wer Bacon Ipsum las, dachte kurz an Bacon. Wer Hipster Ipsum las, spürte einen Reflex von Ironie. Nur Lorem Ipsum löste nichts aus. Es war das ruhigste Rauschen der Branche – eine weiße Stimme, die man immer schon vergaß, bevor man zu Ende gelesen hatte.
Die eigentliche Ironie
Die Kritik an Lorem Ipsum ist nicht neu. Schon 2018 argumentierte die Content-Design-Community: „Designt mit echtem Inhalt“ – Lorem Ipsum verleite dazu, Probleme erst spät zu sehen, die echter Text sofort aufgedeckt hätte. Ein handwerklicher Einwand. Berechtigt. Aber er ließ das Grundprinzip unangetastet: dass der Entwurf als Entwurf erkennbar bleibt.
Seit ChatGPT erschien hat sich das geändert. Jetzt wird Lorem Ipsum nicht mehr kritisiert – es wird ersetzt. 1 Was an seine Stelle trat, ist weder das eine noch das andere: kein Blindtext, aber auch kein echter Inhalt. Überzeugend klingende Fiktion, sofort und kostenlos – und unsichtbar als solche. Die Optik der alten Forderung, ohne ihren Geist.
Einen persönlichen Abschied hat bisher meines Wissens niemand verfasst. Jedenfalls keinen mit Haltung. Auf Deutsch schon gar nicht.
Das hole ich hiermit nach.
Die Ironie liegt auf der Hand, auch wenn man sie nicht laut aussprechen muss.
Ein Text, dessen einzige Berufung die Bedeutungslosigkeit war – der jahrzehntelang exakt das leistete, was von ihm verlangt wurde: nichts zu bedeuten –, wurde am Ende von unechter Bedeutung verdrängt. Nicht von einem besseren Platzhalter. Nicht von Bacon Ipsum oder Hipster Ipsum oder irgendeiner anderen Scherzvariante. Sondern von KI-generierten Inhalten, die so klingen, als hätte sie jemand gemeint.
Das ist keine Ablösung durch einen Konkurrenten. Das ist Ablösung durch das vermeintliche Ziel selbst. Fast so, als wäre das Probekochen so gut geworden, dass niemand mehr auf das echte Dinner wartet.
Als hätte die Generalprobe die Premiere gefressen.
Das hat eine gewisse Tragik – falls man bereit ist, einem Stück Text Tragik zuzugestehen.
Es gibt eine Unterscheidung, die im Zuge dieser Ablösung still verschwunden ist: die zwischen dem Entwurf und dem Ding selbst. Lorem Ipsum war ein sichtbares Geständnis – kein Geheimcode, keine Ironie, sondern eine offene Ansage: Hier steht noch nichts Echtes. Jeder, der es sah, wusste es sofort. Das ist unfertig. Das ist die Form ohne den Inhalt. Das ist das Schaufenster, bevor die Ware geliefert wird.
KI-Text trägt dieses Geständnis nicht mehr. Er klingt fertig. Er klingt, als hätte ihn jemand gewollt. Und das ist das Eigentliche – nicht, dass die Technik besser geworden ist, sondern dass die Sichtbarkeit der Lücke verschwunden ist. Lorem Ipsum zeigte immer: Hier fehlt noch etwas. KI-generierter Text zeigt das nicht mehr. Er überbrückt die Lücke, ohne sie zuzugeben. Was davon praktisch ist und was ein kleiner, stiller Verlust – das ist eine Frage, die ich nicht beantworten will. Ich möchte sie nur gestellt haben.
Lorem Ipsum hat seinen Job zu gut gemacht. Es hat so überzeugend Platz gehalten, dass irgendwann jemand fragte: Warum eigentlich nicht gleich einen „richtigen“ Text?
Eine Frage, auf die es keine Antwort geben konnte. Es konnte ja nur gebrochenes Latein.
Epitaph
Was bleibt? Eine gewisse Würde, die man einem Text zuerkennen darf, der fünfhundert Jahre lang nie versucht hat, mehr zu sein als er war. Kein Aufstieg, kein Imagewechsel, keine Neuauflage für die älteren Leser. Keine Comeback-Tour. Nur diese eine, stets gleiche Passage in unzähligen Mockups, Templates und Prototypen über Jahrzehnte – als geduldige Erinnerung daran, dass Form und Inhalt zwei verschiedene Dinge sind. Und dass manchmal das eine dem anderen vorausgehen muss.
Ich werde Lorem Ipsum nicht mehr verwenden. Das steht fest. Aber ich werde auch nicht so tun, als wäre da nichts gewesen. Als wäre es nie mehr als ein Reflexgriff gewesen, eine schlechte Angewohnheit, die man endlich loswurde. Als hätte man es nie wirklich gekannt, nur geduldet.
Man kannte es. Man hat es jahrelang in Textfelder kopiert, ohne nachzudenken – und genau das war es, was es so gut machte. Der beste Assistent ist der, an den man gar nicht denkt. Der einfach da ist, wenn man ihn braucht, und nicht vermisst wird, solange alles läuft. Heute ist das wohl die KI.
Es war Handwerk. Und Handwerk verdient Respekt – auch wenn es ausgedient hat.
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Schmerz selbst — und: ihn zu mögen. Dem Sinn nach: Den Schmerz um seiner selbst willen.
Cicero meinte damit etwas anderes. Aber als Epitaph taugt es trotzdem.
Wer einen Nachruf verdient hat, hat gelebt. Auch wenn es „nur Blindtext“ war.